Vertrag für Integration
Veröffentlicht am: 10.03.2016; HNA
Melsungen entwickelt Willkommensbroschüre und Integrationsvertrag für Flüchtlinge

MELSUNGEN. Taha Rezae ist einer der ersten Asylbewerber, der in Melsungen den neuen Integrationsvertrag unterschrieben hat. Der 30-jährige Flüchtling aus Afghanistan kam mit seiner Frau Sahar und seiner jetzt zweijährigen Tochter vor elf Monaten nach Deutschland.
Der Integrationsvertrag
Unterschrieben hat er jetzt unter anderem folgende Aussage: „Ich weiß, dass nach deutschem Recht Frauen und Männer gleichberechtigt sind und dass es im Bereich der Religion ein Toleranzgebot gibt. Die staatliche Rechtsprechung steht über religiösen Überzeugungen“. „Ich finde das gut und wichtig“, sagt Rezae.
Der gläubige Moslem war in seiner Heimat Grundschullehrer, er gehörte dort zur Bildungsschicht. Er sei sich sicher, dass die meisten Flüchtlinge den Vertrag unterschreiben würden. Auch wenn dies auf freiwilliger Basis geschehe, glaube er, dass sich ohnehin viele verpflichtet fühlten, die deutschen Regeln und Gesetze zu akzeptieren.
Die Schwierigkeiten
„Für streng gläubige Moslems ist es nicht einfach.“ Es sei nicht üblich, dass Mann und Frau gemeinsam ein Schwimmbad benutzten oder sich in der Öffentlichkeit die Hand reichten, sagt Taha Rezae. Natürlich müsse er akzeptieren, dass zum Beispiel Homosexualität in Deutschland akzeptiert sei. Er halte diese sexuelle Orientierung zwar für falsch und unnatürlich, aber es sei selbstverständlich, dieses Miteinander zu respektieren. Ein sehr gläubiger Mensch könnte auf eine öffentliche Zurschaustellung aber falsch reagieren. Wichtig sei, in den Dialog treten zu können. „Es liegt ein langer Weg vor uns“, sagt Taha Rezae.
Dafür, dass Rezae sechs Monate in Aufnahmelagern zugebracht hat und gerade mal fünf Monate in Melsungen lebt, erklärt er das in überraschend gutem Deutsch.
Gegenseitiges Verständnis
Der Weg sei ein gemeinsamer. So sei er zwar gebildet, könne sich ausdrücken und über alles reden, aber Witze und Karikaturen über den Propheten Mohammed, den Koran und Allah könne er ebenfalls nicht akzeptieren. Die Deutschen müssten eben auch versuchen, zu verstehen, wie unantastbar diese drei Dinge für jeden gläubigen Moslem seien. Das sei doch auch eine Form des Respekts. Seiner Meinung nach gehöre es sich eben nicht, über alles Witze zu machen, sagt er. Es sei gut und richtig, den Flüchtlingen Informationen über die deutsche Art zu Leben zu geben. Es gebe doch erhebliche Unterschiede. Damit spricht Rezae die neue Willkommensbroschüre der Stadt an. Am Ende des Gesprächs bedankt sich Taha Rezae bei allen Deutschen für die Hilfe, die Freundlichkeit und das Verständnis, das ihm und seiner Familie seit seiner Ankunft entgegengebracht wird. Eine Geste, die sehr wichtig sei.
Willkommensbroschüre
Die Stadt, der Förderverein für ein zukunftsfähiges Melsungen und die Integrationsstelle haben eine Broschüre erarbeitet, die das bessere Verständnis erleichtern soll. Auf Englisch, Arabisch und auf Deutsch werden wichtige Kontaktnummern, Ansprechpartner und vor allem deutsche Gepflogenheiten vorgestellt. Sie wird an alle Flüchtlinge verteilt.
Das sagt der Bürgermeister
Integration sei ein gegenseitiges Bekenntnis, sagt Melsungens Bürgermeister Markus Boucsein – und so solle der Vertrag wirken. „Wir setzen alles daran, zusätzliche Hilfe anzubieten und verlangen vom Asylbewerber eine Verpflichtung, diese Hilfe anzunehmen und unsere kulturellen und gesellschaftlichen Regeln anzunehmen“, sagt er. Der Integrationsvertrag sei zwar nur ein symbolischer Akt, aber er schaffe auch Verständnis füreinander. Der Vertrag solle ein Bestandteil der Integration sein. „Unsere Hilfsangebote können nur so groß sein, wenn wir auch die Bekundung bekommen, dass sie angenommen werden.“ Man wolle nichts überstülpen, wer hier leben möchte, müsse sich den Regeln unterordnen. (ddd)
von Damai D. Dewert
