Stiftung kinder- und familienfreundliches Melsungen · Förderverein für ein zukunftsfähiges Melsungen e.V.

Mehr als eine Lehrerin

Veröffentlicht am: 22.01.2016; HNA

Die Melsungerin Marlene Schanze gibt drei Eritreerinnen Deutschunterricht

Lernen seit fast einem Jahr gemeinsam Deutsch: von links Almaz Mehari (39) , Lehrerin Marlene Schanze (66), Helen Tsegay (29) und Kokob Habtu (26). Marlene Schanze will mit den Eritreerinnen nicht nur Grammatik pauken, sondern lehrt Alltagsdeutsch. Foto: Frangenberg

MELSUNGEN. Mit Mütze, Schal und Winterjacke angezogen sitzen die drei Eritreerinnen Almaz Mehari, Helen Tsegay und Kokob Habtu an einem Tisch im Gebäude der Harnings Mühle. Seit ungefähr einem Jahr nehmen die Frauen gemeinsam an dem Deutschkurs von der Melsungerin Marlene Schanze teil.

„Es ist zu kalt“, sagt Almaz Mehari auf Deutsch. Die drei Frauen sind die Minusgrade in Deutschland nicht gewöhnt. Trotzdem ist die Stimmung an diesem Morgen ausgelassen. „Ich schlafe auch mit Jacke“, erklärt Helen Tsegay. Daraufhin fangen die Frauen an zu lachen.

Es ist kein typischer Deutschkurs, den Marlene Schanze den Frauen gibt. „Wir pauken nicht nur Grammatik oder Vokabeln, sondern sprechen über Alltagssituationen und Themen, die aktuell anstehen“, erklärt Marlene Schanze. Die ehemalige Grundschullehrerin verbringt seit letztem Februar jeden Dienstag- und Donnerstagvormittag mit den Frauen. Sie gibt die Sprachkurse ehrenamtlich.

„Sie ist mein Liebling“
ALMAZ MEHARI

„Sie hilft bei allem“, sagt Helen Tsegay, „mit Papieren, Kindern und Terminen.“ Almaz Mehari sagt: „Sie ist mein Liebling“ und legt Marlene Schanze einen Arm um die Schulter.

Flucht aus der Heimat

Die drei Frauen sind aus ihrer Heimat Eritrea geflohen. „Wegen der Politik“, sagen sie. Diktatorische Zustände würden dort herrschen, sagt Schanze. „Was sie auf ihrer Flucht erlebt haben, das lassen sie während des Sprachkurses nicht an sich ran“, erklärt Schanze.

Die Frauen sind fröhlich, obwohl sie nicht wissen, ob ihr Asylantrag in Deutschland genehmigt wird. Eine der Frauen hat ihren Mann auf der Flucht im Sudan verloren und hofft, dass sie ihn einmal in Deutschland wiedersieht. Außerdem sind die Eritreerinnen nicht alleine. Alle haben Kinder und machen sich um deren Zukunft Gedanken.

Meharis Sohn ist sechs Jahre alt und geht in die Vorschule. Tsegays Sohn geht in die 2. Klasse, ihre Tochter in den Kindergarten. „Die Kinder sagen: ‘Mama warum sprichst du so schlecht Deutsch’?“, erzählen die Frauen. Das ist etwas, was sie alle gerne ändern würden, denn sie wollen gerne in Deutschland bleiben. Habtus’ Tochter ist neun Monate alt und in Deutschland geboren. Während Habtu zum Sprachkurs geht, passt eine Tagesmutter auf die Tochter auf.

Lernen über Bilder

„Die Sprache fällt den Frauen am schwersten“, sagt Marlene Schanze. „Wir kommunizieren im Kurs hauptsächlich über Bilder oder Englisch“, sagt sie. Sie habe schon vorgeschlagen, dass die Frauen mit den Kindern zu Hause versuchen, Deutsch zu sprechen, diese sollen aber nicht ihre Heimatsprache verlernen. „Sie sollen sich auch mit ihren Großeltern in der Heimat unterhalten können“, erklärt Schanze die Absicht der Frauen.

Helfen ist eine Tugend

Trotz der persönlichen Stimmung, die im Sprachkurs von Marlene Schanze herrscht, ist es für sie wichtig, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen.

Wie schwer fällt es Ihnen, Persönliches aus dem Sprachkurs außen vor zu lassen?

SCHANZE: Wichtig für eine gute Arbeitsatmosphäre ist, dass wir uns an einem neutralen Ort treffen. An erster Stelle steht natürlich der Deutschkurs. Aber zu Hause mal gemeinsam Kaffee trinken, das ist auch sehr wichtig.

Warum engagieren sie sich ehrenamtlich?

SCHANZE: Ich möchte gerne helfen, das ist für mich einfach eine christliche Tugend. Ich kann keine Möbel schleppen, aber als ehemalige Lehrerin kann ich gut Deutsch vermitteln. Ich möchte das vermitteln, was ich auch gut kann.

Welches ist der größte kulturelle Unterschied, den sie in der Zusammenarbeit mit den Frauen erlebt haben?

SCHANZE: Ganz sicher das Essen. Bei den Eritreerinnen gibt es eigentlich immer das gleiche Gericht. Ein weicher Fladen aus der Pfanne, der mit scharfer Soße und mit den Fingern gegessen wird. Messer und Gabel werden nicht benutzt, und alle essen gemeinsam aus der Pfanne. Das ist ganz anders als bei uns. (jif)

Zur Person

Marlene Schanze wurde am 27. Januar 1949 in Melsungen geboren. Die pensionierte Grundschullehrerin gibt seit Februar 2015 ehrenamtlich Sprachkurse für drei Eritreerinnen. Die 66-Jährige lebt in Melsungen und ist verheiratet.

von Jil Frangenberg