Stiftung kinder- und familienfreundliches Melsungen · Förderverein für ein zukunftsfähiges Melsungen e.V.

Helfende Hände im Alltag

Veröffentlicht am: 13.04.2013; HNA

Projekt der ehrenamtlichen Familienpaten soll fehlende Nachbarschafthilfe ersetzen

SCHWALM-EDER. Die alltägliche Belastung für Alleinerziehende ist groß, manchmal kaum zu schaffen: Kleine Kinder sind zu betreuen, finanzielle Probleme drücken, die familiäre Unterstützung fehlt. Da käme eine Nachbarin, die sich beim Arztbesuch mal kurz um ein Kind kümmert, oder die Freundin, die den Sohn mit zum Sportverein nimmt, gerade recht.

Wo es diese helfende Hand nicht (mehr) gibt, die Einbindung in das Gemeinwesen fehlt, da können in drei Gemeinden des Schwalm-Eder- Kreises ehrenamtlich arbeitende Familienpaten einspringen.

In Melsungen, Felsberg und Gudensberg kommen 13 Paten zum Einsatz, zwölf Frauen und ein Mann, die ihre Zeit, ihre Erfahrung, ihr Wissen und manchmal nur ihre Fähigkeit zum Zuhören denjenigen zur Verfügung stellen, die um die Hilfe bitten.

„Oberstes Gebot für den Einsatz der Paten in einer Familie ist die Freiwilligkeit“, sagt Angelika Richter, die beim Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsvorsorge (AKGG) in Melsungen für die Betreuung und Schulung der ehrenamtlichen Paten zuständig ist (siehe weitere Artikel). Ein Pate oder eine Patin werde nur eingesetzt, wenn die Familie das auch wolle.

Zusätzliche Hilfe

Wer für die Arbeit mit einem Paten infrage kommen könnte, das entscheiden die Jugend- und Sozialämter und derAKGG. Zusätzlich zu professionellen Sozialarbeitern könne es als Übergang die ehrenamtliche Unterstützung geben, sagt Richter.

Es sind meistens Frauen reiferen Alters, die sich bisher für das Projekt gemeldet haben. Sie sind teils aus dem Arbeitsleben ausgeschieden und suchen eine neue, erfüllende Aufgabe, möglichst mit Menschen; andere wollen aus christlicher Motivation für den Nächsten tätig werden und bieten ihre Hilfe an. Sie alle werden nicht ins kalte Wasser geschmissen, sondern für ihre Aufgabe in und mit den Familien geschult. Der AKGG übernimmt diese Schulung, bei der es auch darum geht, wie man mit Kritik, mit Ablehnung umgeht und wie man seine Hilfsbereitschaft begrenzt.

Alle vier bis sechs Wochen treffen sich die Paten zur fachberatung mit Angelika Richter. Die Gespräche miteinander über die Erlebnisse und Erfahrungen mit den Müttern, Vätern und Kindern spielen dabei eine wichtige Rolle. „Wir bieten Coaching und Reflexion an“, sagt Robert Moos, Leiter der ambulanten Jugendhilfe beim AKGG. Bei akuten Problemen gibt es zusätzliche telefonische Beratung für die Paten. Und wenn es richtig „brennt“, dann ist professionelle Hilfe nötig, dann setzt die ehrenamtliche Arbeit aus.

Zum Start als Familienpatin sei es wichtig, feste Zeiten und ein klar umrissenes Aufgabenfeld zu vereinbaren, sagt Angelika Richter. Die Paten seien keine kostenlosen Betreuer oder Babysitter. „Es geht mehr um langlebige Beziehungen“, sagt Richter., „um die Einbindung in ein selbstverständliches Miteinander.“

„Familienmitglied am Rande“

Frauen berichten über ihre Erfahrungen, Erwartungen und Erfolge

Über ein zugegeben ungewöhnliches Hobby für eine Frau bekam Madeleine Foet aus Melsungen, eine der Patinnen der ersten Stunde, Zugang zum Sohn der Familie, die sie seit nunmehr fünf Jahren begleitet, als „Familienmitglied am Rande“ sozusagen. Foet ist nämlich Jägerin und nutzte die Freude des Jungen am Schießen, um ihn für ihr Hobby zu begeistern. Sie nahm ihn mit auf den Ansitz, heute hat er selbst den Jagdschein gemacht. Die Tochter wollte ein Musikinstrument erlernen, ihr ermöglichte Foet den Unterricht.

„Ich schreibe nichts vor, ich frage nach Wünschen und biete an, was gewünscht wird“, beschreibt sie ihren Einsatz in der Familie. Sie habe viel erreichen können, sagt sie: Beide Kinder gehen aufs Gymnasium oder eine weiterführende Schule. Ihnen habe geholfen, dass sie als Patin Sicherheit geben konnte.

Ganz anders Marie-Luise Ludwig aus Guxhagen: In der ersten Familie zeigte sie der Mutter, wie der Alltag zu organisieren sei. „Die kannte noch nicht einmal Sellerie“, erinnert sie sich. Jetzt ist sie im Müttercafé in Melsungen einmal die Woche aktiv, betreut Kinder wie deren Mütter, gibt Tipps und sorgt für Kontakte. Aus Gudensberg erzählt Sigrid Prien von dem alleinerziehenden Vater, dessen Tochter sie regelmäßig trifft, ihr bei den Hausaufgaben hilft, mit ihr spielt oder spazieren geht. „Das Kind wusste, diese Stunden gehören nur ihr“, erzählt sie. Das Gefühl, dass sich jemand um die kümmert, stärke sie auch bei Alltagproblemen. (ula)

von Ulrike Lange-Michael

Hintergrund

Projekt Familienpaten seit sieben Jahren

Das Konzept der ehrenamtlichen Familienpaten wurde erdacht von Jugendamt und Jugendhilfe im Schwalm- Eder-Kreis. Im Jahr 2006 habe es erste Kontakte zum AKGG gegeben, das Projekt sei zunächst auf die Stadt Melsungen begrenzt worden, sagt Angelika Richter, die beim AKGG für das Programm im Kreis zuständig ist. Über Gruppen, Vereine und Verbände sowie Mund-zu-Mund- Propaganda habe man Interessenten gesucht, die bereit waren mitzumachen. In Melsungen gab es zum Start eine Eröffnungsveranstaltung.

Seit 2010 bemühte man sich, zehn Kommunen im Nordkreis zu finden, die sich an dem Projekt beteiligen und jeweils 700 Euro jährlich dafür zu zahlen bereit sind. „Leider sagten fast alle ab, nur Gudensberg und Felsberg machen mit“, sagt Richter. Inzwischen gibt es sechs aktive Patinnen in Melsungen, vier in Gudensberg und drei in Felsberg.

Wer Interesse hat, ob als Familie mit Hilfebedarf oder als mögliche Patin, wende sich an Angelika Richter, Tel. 05661/908 69 30, mobil: 0162/203 39 80. (ula)

Stichwort: AKGG

Der Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung (AKGG) ist eine gemeinnützige GmbH mit Sitz in Kassel. Er bietet wohnortnahe Unterstützung, Beratung und Betreuung bei der Jugendhilfe, Hilfen für Menschen mit Behinderungen und in der Gemeinde- und Sozialpsychiatrie. Sein Arbeitsfeld sind die Landkreise Kassel, Werra-Meißner und Schwalm-Eder. Die kürzlich drohende Insolvenz des AKGG wurde inzwischen abgewendet, die Arbeit geht weiter. Für Schwalm-Eder ist das Büro in Melsungen zuständig. (ula)